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GH | Articles | Volume 73, issue 1
Geogr. Helv., 73, 75-77, 2018
https://doi.org/10.5194/gh-73-75-2018
© Author(s) 2018. This work is distributed under
the Creative Commons Attribution 4.0 License.
Geogr. Helv., 73, 75-77, 2018
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Book review 20 Feb 2018

Book review | 20 Feb 2018

Book review: Die unbesetzte Stadt: Postfundamentalistisches Denken und das urbanistische Feld

Book review
Lucas Pohl Lucas Pohl
  • Institut für Humangeographie, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Theodor-W.-Adorno-Pl. 6, 60323 Frankfurt am Main, Germany

Roskamm, N.: Die unbesetzte Stadt: Postfundamentalistisches Denken und das urbanistische Feld, Basel, Birkhäuser, 403 S., ISBN: 978-3-0356-1077-2, EUR 34.95, 2017.

1964 schreibt Maurice Blanchot einen kurzen Essay über das gespaltene Berlin der Nachkriegszeit. Der französische Literaturtheoretiker und Schriftsteller macht in seiner Beschreibung auf den eigentümlichen Status Berlins aufmerksam, wobei die Stadt durch ihre Spaltung in Ost- und West-Berlin nicht als einheitliche Stadt bestehen bleibt, jedoch auch nicht einfach in zwei voneinander getrennte Hälften zerfällt, sondern stattdessen zur Verkörperung eines paradoxen Verhältnisses wird. Demnach sei Berlin „weder eine einzige Stadt, noch zwei Städte“ (Blanchot, 1983:13), sondern „der Ort, an dem sich die Reflexion über eine Einheit, die beides, nämlich notwendig und unmöglich ist, vollzieht“ (ebd. 7). Reißen wir Blanchots Argument aus seinem historischen Kontext, haben wir es hier mit einer Reflexion über das Wesen der Stadt zu tun, der zufolge die Stadt als Ort zugleich notwendig und unmöglich wird. Damit liefert Blanchots Aufsatz, wie wir im Folgenden sehen werden, das verschollene Versatzstück einer postfundamentalistischen Perspektive auf die Stadt.

Doch zunächst zum Wesentlichen: Im September 2017 erschien das etwa 400 Seiten starke Buch Die unbesetzte Stadt von Nikolai Roskamm in der namhaften Reihe „Bauwelt Fundamente“ (deren erstes Buch zufälligerweise im selben Jahr veröffentlicht wurde wie Blanchots Aufsatz). Hierin unterbreitet der Autor den Aufschlag für eine postfundamentalistische Stadttheorie – also für eine Theorie, welche die Frage nach dem ontologischen Fundament von Stadt zu ihrem Ausgangspunkt nimmt. Die Relevanz einer solchen Theorie begründet sich darin, so die starke These zum Beginn des Buches, dass die Stadtforschung erstaunlich wenig über ihr Objekt – die Stadt – zu sagen habe. Anstelle nach dem Wesen der Stadt zu fragen, veranlassen die aktuellen Trends der Stadtforschung dagegen eher dazu, sich vollends von der Idee einer Stadt als Objekt zu verabschieden. Infolge einer globalen bzw. planetarischen Urbanisierung steht die Stadt als eine für sich stehende Kategorie mehr denn je infrage. Doch worauf bezieht sich die Stadtforschung, wenn ihr das Objekt abhandenkommt? Was ist das Fundament einer Stadtforschung, wenn die Urbanisierung zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen wird? Was ist die Stadt-an-sich? Dass die Stadtforschung auf solche Fragen keine Antworten parat hält, ist jedoch, so Roskamm, nicht allein den aktuellen Trends geschuldet, sondern begründet sich aus der disziplinären Tradition heraus. Schließlich bemisst sich die Stadtforschung an der Praxis und nicht an der Theorie. Um der Frage nach dem Fundament von Stadtforschung nachzugehen, bedarf es deshalb einer Loslösung von der konstatierten Vorherrschaft dieses Empirizismus:

Meine These von der unbesetzten Stadt hat zum Ziel, den Stadtbegriff von der sozialwissenschaftlichen auf eine sozialtheoretische Ebene zu verschieben, von der Ebene des Sozialen, Empirischen und Partikularen auf die Ebene des Politischen, Theoretischen und Totalen. (S. 9)

Um die Stadt nach ihrem Fundament zu befragen, schlägt Roskamm deshalb einen Bogen zum Postfundamentalismus. Dieser läuft in der Behauptung zusammen, dass es keine (ontische) Praxis gibt, die sich nicht auf einen (ontologischen) Grund bezieht, der die jeweilige Praxis übersteigt. Gleichzeitig durchquert der Postfundamentalismus seine eigene Voraussetzung darüber, dass er von der Abwesenheit eines letzten Grundes ausgeht. Insofern wir es hier folglich mit einem Denken zu tun haben, dass die Ontologie weder vollends verabschiedet, noch unproblematisch voraussetzt, hat der Soziologe Oliver Marchart die „ontisch-ontologische Differenz“ von Martin Heidegger zu dessen Ausgangspunkt erklärt, da sie den Grund im Ab-grund gründen lässt, um es mit Heidegger zu sagen. Auf Basis dessen hat Marchart – der eine zentrale Referenzfigur für Die unbesetzte Stadt darstellt – zunächst über eine Theorie des Politischen (Marchart, 2010) und schließlich in Form einer Theorie der Gesellschaft (Marchart, 2013) den bis dato umfangreichsten Vorstoß für die postfundamentalistische Theorie vollzogen. Der Verdienst von Roskamm ist es nun, das postfundamentalistische Denken in gleicher Manier auf die Stadt zu übertragen. Homolog zur Gesellschaft bei Laclau und zur Demokratie bei Lefort – beides zentrale Wegbereiter sowohl für Marcharts Arbeiten – reduziert sich die Stadt demnach weder auf die lokale Praxis noch auf eine naturalistische Setzung, sondern wird dagegen als „unmögliches Objekt“ (Laclau) und „leerer Ort der Macht“ (Lefort) gedacht (vgl. S. 22–25; 189–192).

Mit einer Leichtigkeit, die bereits für Marcharts Arbeiten charakteristisch ist, verknüpft Roskamm hierzu unterschiedliche Spielfelder der Philosophie und Sozialtheorie. Von Agamben, Arendt, Derrida, Freud, Foucault, Harvey, Heidegger, Lacan, Laclau, Lefebvre, Lefort, Marx/Engels, Mouffe, Nietzsche und Schmitt diskutiert Roskamm so ziemlich alle Weggefährten des kontinentalen Denkens, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten (mal mehr mal weniger) über die Stadt geschrieben haben. Ein solches Vorgehen kommt vielleicht stellenweise wie ein konzeptioneller Eklektizismus daher, hat jedoch vor dem Hintergrund des postfundamentalistischen Denkens durchaus programmatischen Charakter. So setzt der Postfundamentalismus auch hinsichtlich seines Referenzrahmens nicht auf einem soliden Fundament auf, sondern gründet sich auf einem recht lose zusammengesetzten Bündel an post-strukturalistischen und post-marxistischen Theorien. Vor diesem Hintergrund stellt es für den Postfundamentalismus kein Problem dar, dass Marcharts Analyse mit Heidegger beginnt, während sich Roskamm Marx und Engels zum Ausgangspunkt nimmt.

Während die kritische Relektüre von Marx und Engels hinsichtlich ihres Verhältnisses von Determinismus und Materialismus (S. 28–48) sowie die Rekonstruktion der Marx'schen Schriften zur Stadt (S. 64–84) als lesenswerte Grundierung für eine postfundamentalistische Stadttheorie daherkommen, liegt der entscheidende Impuls Roskamms hinsichtlich der Vermittlung von Postfundamentalismus und Stadttheorie jedoch bei Lefebvre. Neben einer überzeugenden Rekapitulation von Lefebvres Texten zur Stadt (S. 108–154) steht im Kern von Roskamms Lektüre dessen Kategorie des „Objekt x“. In diesem sieht Roskamm den Auftakt für einen Begriff von Stadt, der diese zugleich notwendig und unmöglich macht. Insofern das Objekt x jeder Ganzheit einen unwiderruflichen Rest unterstellt, erlaubt es, auf die Stadt übertragen, „nicht mehr danach zu fragen, was Stadt ist, sondern was sie verunmöglicht – also zu ergründen, was verhindert, dass Stadt mit sich selbst identisch wird“ (S. 229f.). So wird die Stadt als Objekt x zu einem unmöglichen und doch nicht weniger notwendigen Schlüsselbegriff.

Aus Sicht der Stadtforschung fällt eine solche Lesart Lefebvres nicht nur aufgrund der Textgewichtung heraus – dessen Hauptwerk La production de l'espace bringt es hier gerade mal auf zwei Fußnoten – sie überzeugt auch aufgrund einer gewissen Offenheit, die Lefebvre kein konsistentes Werk unterjubelt, sondern dagegen einen „Hang zur Paradoxie“ (S. 105) zuspricht, was Roskamm zufolge „in weiten Bereichen der urban studies immer wieder und bis heute verdrängt wird“ (ebd.). Aus Sicht des Postfundamentalismus legt Roskamm dagegen überzeugend dar, dass Lefebvres Objekt x „in der Erbfolge“ (ebd.) postfundamentalistischer Erzählungen steht und darüber zu einem Ansatz anregt, „der in den umfangreich vorliegenden Arbeiten zu Lefebvre noch nicht wirklich zum Vorschein gebracht worden ist“ (S. 89).

Ich spare an dieser Stelle einen weiteren zentralen Teil des Buches aus – Roskamms gelungene „Genealogie des Urbanismus“, in der er sich eindringlich mit den begriffsgeschichtlichen Zusammenhängen des Stadtbegriffs auseinandersetzt (S. 237–330) – um den verbleibenden Platz für eine kurze Diskussion von Roskamms Bezügen zur Psychoanalyse aufzuwenden. Bereits bei Marchart gibt es Hinweise darauf, dass sich die Psychoanalyse in einem „gemeinsamen theoretischen Raum“ (Marchart, 2013:50) mit dem Postfundamentalismus befindet, insofern als Freud „ein ganz ähnliches Projekt“ wie Heidegger verfolgte (ebd. 38). Roskamm übernimmt diese Sensibilität für den postfundamentalistischen Gehalt der Psychoanalyse, was vor allem entlang seiner Diskussion des Verhältnisses von Lefebvre und Lacan zum Ausdruck kommt. Lacans Psychoanalyse, in dessen Herz die Kategorie des „Objekt a“ steht, sei demnach artverwandt zu Lefebvres Objekt x, insofern es sich hier um zwei Spielformen des „unmöglichen Objekts“ handelt (S. 104): „Beide Gedankengänge treffen sich in der Struktur des Rests als Subversion des Totalen und als Triebkraft des Sozialen“ (ebd.). Insofern sich Lacans Objekt a nie vollends materialisiert – insofern das Lacansche Subjekt also stets durch den Mangel des Objekts strukturiert wird – steht es auf einer Ebene mit Lefebvres Objekt x. Roskamm behauptet sogar, dass die „Unbesetzbarkeit“ im Grunde „nichts anderes als eine Ausdrucksform von Lacans notwendigem Mangel“ sei (S. 163). Die Stadt des Postfundamentalismus strukturiert sich demnach analog zum Subjekt der Psychoanalyse. Sowie das psychoanalytische Subjekt von Grund auf unbesetzt ist, insofern es stets auf der Suche nach einem Objekt ist, das die Leere, um die es kreist, zu füllen imstande ist, konstituiert sich die Stadt des Postfundamentalismus auf Basis der notwendigen Unmöglichkeit, mit sich identisch zu sein. Roskamms Übertragung der Psychoanalyse auf die Stadtforschung stellt im deutschsprachigen Raum nicht nur eine Seltenheit dar, sie bietet zugleich das Potential einer Infragestellung dessen, was es heißt, in und mit einer unbesetzten Stadt zu leben, sprich: welche sozialen, ökonomischen und letztlich politischen Konsequenzen die Annahme einer unbesetzbaren Stadt zutage fördert. Hierzu bedarf es jedoch einer Übersetzung der postfundamentalistischen Stadttheorie zurück auf die sozialwissenschaftliche Ebene, also auf die „Ebene des Sozialen, Empirischen und Partikularen“ (S. 9), von der sich Roskamm eingangs verabschiedet.

Kommen wir damit zurück zu Berlin. In dem eingangs herangezogenen Aufsatz zeigt Blanchot auf, inwiefern das gespaltene Berlin der Nachkriegszeit die Unmöglichkeit darstellt, voll und ganz in der Stadt zu sein. Insofern jede Möglichkeit des Wohnens in einem Teil der Stadt zugleich von der Unmöglichkeit des Wohnens in einem anderen Teil der Stadt heimgesucht wird, wohnt niemand vollends in der Stadt. Niemandem ist es gestattet, sich heimisch in der Stadt zu fühlen, da niemand die Stadt als Ganzes bewohnt. Und doch handelt es sich im Sinne des Postfundamentalismus hierbei um den einzigen Weg, wie wir überhaupt davon sprechen können in der Stadt zu sein: indem wir den unweigerlichen Rest anerkennen, der die Stadt heimsucht und sie zu einem Ort des Unheimlichen werden lässt.

Literatur
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Blanchot, M.: Der Name Berlin. Le nom de Berlin, Merve, Berlin, 1983. 

Marchart, O.: Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben, Berlin, Suhrkamp, 2010. 

Marchart, O.: Das unmögliche Objekt. Eine postfundamentalistische Theorie der Gesellschaft, Berlin, Suhrkamp, 2013. 

Publications Copernicus
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